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Start Die Dorfgeschichte Familien Doppelnamen (Familien-/Hofnamen)

Doppelnamen (Familien-/Hofnamen)

Westfälische Doppelnamen (Familien-/Hofnamen) - oder wie sich Namen verändern...

Wer, wie ich, nicht in Westfalen geboren wurde, wird manches Mal an der westfälischen Tradition der Doppelnamen verzweifeln. Nicht dass Westfalen der einzige deutsche Landstrich ist, in dem diese Tradition verwurzelt ist, aber auf dieser Webseite geht es nun einmal hauptsächlich um westfälische Familien. Nach nunmehr über einem Vierteljahrhundert in Westfalen habe ich das Grundprinzip der Doppelnamen verstanden, erinnere mich aber noch mit Grausen an meine Anfangsschwierigkeiten. Deshalb möchte ich anhand einiger Beispiele versuchen klarzumachen, wie die Doppelnamen "funktionieren".

Der Hof stellte lange Zeit den Mittelpunkt des bäuerlichen Lebens dar, deswegen bildeten sich viele Familiennamen  auf Grund des Hofnamens, nicht umgekehrt. (Andere Höfe erhielten ihren Namen von der Tätigkeit des Hofpächters (die ja z.B. bei Müllern und Schmieden fast untrennbar mit dem Gebäude verbunden war) und übertrugen diesen Namen auch auf nachfolgende Generationen von Bewohnern, auch wenn jene diese Tätigkeit schon lange nicht mehr ausübten.) Der Hof "midden im Dorp" war oft der Hof Middendorp oder so ähnlich, und wer ihn bewirtschaftete, war schlicht und ergreifend der Middendorp-Bauer. Der Bauer auf dem Hof im Süden des Dorfes war wahrscheinlich der Bauer Sudhoff. Und wem auch immer der Haupt- oder Schultenhof verpachtet worden war, war eben "der Schulte", punktum.

Man muss sich hier vor Augen halten, dass die meisten Höfe in früheren Zeiten kein "Eigen - tum" waren, sondern vom Grundherrn gepachtet wurden. Somit konnten sie auch nicht wirklich "vererbt" werden, sondern es wurde mit einem Sohn oder Schwiegersohn ein neuer, zeitlich befristeter Pachtvertrag geschlossen – oder auch nicht.

Soweit die theoretischen Grundlagen, um die nachstehenden (fiktiven ! ) Beispiele verstehen zu können.

  • Beispiel 1:

    Das ist der einfachste Fall, den wir auch als "normal" empfinden, weil das deutsche Namenrecht bis vor einigen Jahren genauso funktionierte. Bleiben wir bei Familie und Hof Middendorp als Beispiel. Die alten Middendorps sind langsam in die Jahre gekommen, gehen "in Rente", wie wir das heute nennen würden, früher hieß das "Altenteil" oder "Leibzucht". Einer der Söhne Middendorp übernimmt den Hof  und schließt mit dem Grundherrn einen neuen Pachtvertrag über den Middendorp-Hof ab, wird damit der neue Bauer Middendorp. Er heiratet, und seine Kinder tragen ebenfalls den Nachnamen Middendorp. Ganz einfach.

  • Beispiel 2:

    Jetzt wird's schon ein bisschen schwieriger. Als die alten Middendorps aufs Altenteil gehen, gibt es keinen erwachsenen, (heirats-)fähigen Sohn, der den Hof übernehmen könnte. Aber es gibt eine erwachsene, tüchtige Tochter Maria und auch einen kräftigen, fähigen jungen Mann, Johann (vom Hof und aus der Familie) Sudhoff, der bereit ist, "einzuheiraten". Der Grundherr ist auch einverstanden, und so heiraten Tochter Maria Middendorp und der junge Johann Sudhoff, der dann den Pachtvertrag für den Middendorp-Hof unterschreibt. Damit wird er zum Bauern Johann Middendorp und wird auch in der Regel in sämtlichen offiziellen Dokumenten, einschließlich der Tauf-, Heirats- und Sterberegister so bezeichnet. Im schlimmsten Fall taucht er nie wieder als Johann Sudhoff auf, und auch seine Kinder tragen nicht den Namen Sudhoff, sondern den Namen Middendorp. Wenn wir Glück haben, finden wir ihn und seine Familie als Sudhoff genannt Middendorp, wobei der letzte Name der Hofname ist. Statt "genannt" findet man auch "vulgo" oder "modo".

  • Beispiel 3:

    Jetzt wird's komplizierter. Johann und Maria Middendorp sind schon lange nicht mehr in der Lage, den Hof richtig zu bewirtschaften. Mißernten, schlechter Gesundheitszustand, Pech mit dem Vieh, Krieg... es gibt viele Gründe, wie so etwas passieren kann. Der Pachtvertrag ist abgelaufen und müsste eigentlich erneuert werden, aber der Grundherr will den Hof Middendorp nicht erneut an Johann und Maria verpachten. Deren Kinder kommen auch nicht in Frage, denn entweder sind sie noch zu klein oder körperlich/geistig nicht in der Lage, den Hof zur Zufriedenheit des Grundherrn zu übernehmen und zu bewirtschaften. Johann und Maria mit ihrer Familie müssen den Hof verlassen und sich einen anderen, vielleicht kleineren, leichter zu bewirtschaftenden Hof pachten.

    Der Grundbesitzer wird mit dem Schulte des Dorfes einig, dass einer der jüngeren Söhne, Joseph, mit seiner Frau Catharina den Middendorp-Hof pachtet. Damit wird Joseph Schulte zum neuen Middendorp-Bauern und von nun an unter dem Namen Middendorp (oder Schulte genannt Middendorp) zu finden sein. Auch seine Kinder tragen entweder den Doppelnamen oder heißen schlicht und ergreifend nur Middendorp, auch wenn keinerlei verwandtschaftliche Beziehung zur ursprünglichen Familie Middendorp mehr besteht.

    Johann und Maria, die vielleicht den kleineren Brinkhoff (Hof am Brink = Dorfrand) gepachtet haben, sind von nun an wahrscheinlich unter dem Namen Johann und Maria Brinkhoff zu finden. Wenn der Forscher Glück hat, gibt's in den Anfangsjahren noch einen Hinweis darauf, dass sie vormals "die Middendorps" waren. Wir dürfen nicht vergessen, dass die kirchlichen Register nicht für uns Forscher angelegt wurden, sondern um kirchliche Ereignisse festzuhalten, und die Menschen damals wussten ganz genau, wer zu dieser Zeit "midden im Dorp" wohnte, also "die Middendorps" waren.

  • Beispiel 4:

    "Uff, was kompliziert", sagte einmal eine befreundete Forscherin aus dem Rheinland...  aber wenn Kettenheiraten dazu kommen, ist die Verwirrung perfekt. Joseph (Schulte genannt) Middendorp und seine Frau Catharina bewirtschaften für einige Jahre den Middendorp-Hof. Kinder werden geboren und heißen Middendorp. Dann stirbt Joseph, seine Frau Catharina heiratet wieder, sagen wir mal einen Friedrich Neuhoff, der damit zum Middendorp-Bauern wird und von nun an Friedrich (Neuhoff genannt) Middendorp heißen wird. Seine Kinder, die ja nur Halbgeschwister der Kinder aus der ersten Ehe sind, heißen ebenfalls Middendorp. Soweit so gut...

    Dann stirbt Catharina, Mädchenname unbekannt, verwitwete (Schulte genannt) Middendorp, verheiratete (Neuhoff genannt) Middendorp. Ihr Mann, der Witwer Friedrich (Neuhoff genannt) Middendorp, heiratet Elisabeth Althoff; die Kinder aus dieser Ehe heißen auch Middendorp, sind Halbgeschwister der Kinder aus zweiter Ehe und überhaupt nicht mehr verwandt mit den Kinder aus der ersten Ehe dieser Generation, und niemand - weder die Eltern noch eines der Kinder aus den drei Ehen dieser Generation - mit der ursprünglichen Familie Middendorp.

    Und um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben: vielleicht hat sich der Name Middendorp zu diesem Zeitpunkt schon zum Namen Mittorp oder gar Mittrop "verwaschen"...

Alles klar? Nicht alles, was "aus dem gleichen Stall" stammt und den gleichen Namen trägt, ist auch miteinander blutsverwandt. Solche Kombinationen haben einen nicht unerheblichen Anteil meiner grauen Haare verursacht. Man stelle sich nur vor, Hänschen Müller genannt Meier-Klein-Kleckersdorf heiratet die "Erbtochter" Fräulein Lieschen Schmidt genannt Schulze-Dingenskirchen...

Die Festschreibung der Familiennamen und das Verbot, den Familiennamen bei Einheirat gegen den Hofnamen einzutauschen, wurde in Westfalen Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführt. Da die alte Tradition aber schwer auszumerzen war, wurde es dem Besitzer des Hofes und seiner Ehefrau, nicht aber den Kindern, erlaubt, hinter den Familiennamen den Hofnamen mit dem Zusatz "genannt" hinzuzufügen. Für deren Kinder traf diese Erlaubnis erst zu, sobald sie den Hof übernahmen. Bei Einführung der Standesämter 1875 änderte sich das Namenrecht noch einmal, aber das zu erklären würde hier den Rahmen sprengen. Bei Wikipediaimg_greygibt es dazu erste Grundinformationen; von da aus kommt man sicherlich auf fachlich fundierte Webseiten zu diesem Thema.

als Schlussbemerkung noch das eine oder andere...

  • Es wird wohl nie gelingen, alle regional unterschiedlichen Gepflogenheiten der "Namensvererbung" von einer Generation in die andere in ein allgemein gültiges Schema zu pressen. Versucht man dies, wird es wahrscheinlich damit enden, dass man das eine oder andere Kind oder Elternteil fälschlicherweise in die eigene Familie "adoptiert" und möglicherweise in eine falsche Richtung weiterforscht.
  • Die westfälischen Doppelnamen sind eine mögliche Variante, eine andere (für mich angenehme) Variante ist die spanische Namengebung, eine weitere (für mich bis jetzt noch absolut fremde) sind die patronymischen Namen, z.B. in den nördlichen Gefilden Europas (auch Deutschlands, z.B. Ostfrieslandimg_grey). Es gibt sicherlich noch andere Formen, die ich aber hier jetzt nicht alle aufzählen möchte.
  • Bevor man sich mit Familienforschung in einer neuen Region beschäftigt, sollte man sich zunächst schlau machen, ob dort eine besondere Form der Weitergabe des Familiennamens herrscht - oder es u.U. gar keine (!) Familiennamen im heutigen Sinne gab oder gibt... Damit erspart man sich definitiv einiges an grauen Haaren und Magengrummeln, ehrlich ;)
 

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